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Archäologische Textilforschung

Archäologische Textilforschung

Für die Archäologie sind Textilien eine sehr ergiebige Informationsquelle: Sie gehören zu den ersten und ständigen Objekten, die der Mensch für sich und seine Umwelt hergestellt hat. Textilien decken die wichtigsten Grundbedürfnisse ab bzgl. Wärme, Schutz und "Werkzeug" (Taschen, Seile, Segel…). Und sie dienten – wie uns Schriftquellen und Originale lehren – in einfachen wie auch höchst elaborierten und exquisiten Ausführungen zum Schmuck von Menschen und Haus. Auf Textilien finden sich Darstellungen, die auf Objekten anderer Gattungen nicht überliefert sind. Themen der Raumausstattung und der Alltagskultur lassen sich anhand von Geweben intensiv studieren. So bilden Textilhandwerk und –handel einen der am weitesten verästelten und aktivsten Wirtschaftszweige.
Dennoch gehören Textilien nicht zu den Objekten, die besonders gut erforscht sind. Zum einen liegt das an der leichten Vergänglichkeit des Materials, derentwegen Gewebe oft im Boden nicht überdauerten oder bei Ausgrabungen nicht erkannt (und erwartet) wurden. Zum anderen führte der oft unwissenschaftliche Umgang mit alten Geweben bei Aus-grabungen etwa des 19. Jh. dazu, dass ihre Begleitfunde undokumentiert blieben. So gingen in großem Maße Informationen über den Fundkontext verloren oder blieben zumindest unberücksichtigt. Eine Datierung und soziologische Auswertung der Gewebe – und damit ihre historische Einordnung – ist dann nur noch äußerst grob möglich.

Mittlerweile hat sich diese Situation jedoch deutlich verbessert: Bei Ausgrabungen und Bergungsmaßnahmen wird wesentlich genauer auf Textilfunde geachtet. Die genaue Dokumentation dieser Funde gehört heute zum internationalen Standard eines Grabungsberichtes. Textile Bodenfunde sind inzwischen Gegenstand eigener Projekte (s. u.). Die Aufarbeitung und Auswertung älterer Grabungen liefern aussagekräftige Informationen zur funktionalen und soziologischen Einordnung der Gewebe.
Mit der Radiokarbondatierung (besonders der sog. AMS-Datierung; vgl. dazu den link auf dieser Website zur online-Datenbank der radiokarbon-datierten Textilien) kann der Herstellungszeitraum von früh aufge-fundenen Textilien auch ohne auswertbare Beifunde eingegrenzt werden.

Die archäologische Textilforschung ist auf unterschiedlichsten Ebenen engagiert und vernetzt: Sie hängt in hohem Maße von der fachgerechten Bergung und restauratorischen Untersuchung der Objekte ab. In vielen Fällen sind diese Arbeiten besonders zeit- und kostenintensiv, können jedoch nicht ausgelassen oder umgangen werden! Die Zusammenarbeit mit RestauratorInnen ist deshalb so wichtig wie ergiebig. Die Einbeziehung der Naturwissenschaften ist unersetzlich und nicht mehr weg zu denken aus diesem Forschungszweig: Neben den genannten Datierungsmethoden liefern auch die Ergebnisse von Farb- und Faseranalysen wichtige Beiträge zur archäologischen Auswertung.

An den Universitäten ist die archäologische Textilforschung noch immer äußerst selten vertreten, in Deutschland bisher nur an der Universität Bonn. Die systematische Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist aber unerlässlich, wenn bisher erzielte Fortschritte keine Einzelerscheinungen sein sollen.
Im Folgenden sind Projekte, die im Zusammenhang mit unserer Forschungsstelle unternommen werden, aufgeführt (vgl. auch Abschlußarbeiten aus diesem Themengebite, siehe hier.). Hinweise auf eine Auswahl (!) von Forschungseinrichtungen in diesem Gebiet sind mit einem link angegeben, ebenso folgt eine kurze Literaturliste für den ersten Einstieg.

 

 

Literatur

John Peter Wild, Textiles in Archaeology (Aylesbury 1988)
Penelope Walton Rogers / Lise Bender Jørgensen / Antoinette Rast-Eicher (Hrsg.), The Roman Textile Industry and its Influence. A Birthday Tribute to John Peter Wild (Oxford 2001)
Lise Bender Jørgensen / Johanna Banck-Burgess / Antoinette Rast-Eicher (Hrsg.), Textilien aus Archäologie und Geschichte. Festschrift für Klaus Tidow (Neumünster 2003)
Lise Bender Jørgensen, North European Textiles until AD 1000 (Aarhus 1992)
The Cambridge History of Western Textiles 1. 2 hrsg. von David Jenkins (Cambridge 2003)
Textiles in situ – Their Find Spots in Egypt an Neighbouring Countries in the First Millennium CE, hrsg. von Sabine Schrenk = Riggisberger Berichte 13 (2006)
Archéologie des textiles des origines au Ve siècle: Actes du colloque de Lattes, Octobre 1999, hrsg. von Dominique Cardon und Michel Feugère = Monographies Instrumentum 14 (Montagnac 2000)

siehe auch:
Cäcilia Fluck (Hrsg.) die Publikationen der Arbeitsgruppe "Textiles from the Nile Valley"
Publikationen des NESAT – Northeuropean Symposium for Archaeological Textiles
Bibliographie der Website "textile-dates"

 

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