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Römische bis merowingerzeitliche textile Bodenfunde im Bestand des LVR-LandesMuseums Bonn

Ein Projekt der Abteilung Christliche Archäologie der Universität Bonn in Verbindung mit dem LVR-LandesMuseum Bonn, gefördet mit Mitteln des Ministeriums für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes NRW.

 



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Die Funde 

Trotz des für die Erhaltung organischer Materialien widrigen Klimas konnten in den Ausgrabungen des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege immer wieder textile Reste geborgen werden. Besonders Blockbergungen und die anschließende optimale Freilegung der Objekte durch die Restauratoren des LVR-LandesMuseums Bonn ermöglichte die Konservierung auch kleinster organischer Fragmente sowie detaillierte Beobachtungen zu deren Fundlage 

Bei den geborgenen Textilresten handelt es sich überwiegend um 1–2 cm kleine, häufig an Metall festkorrodierte Fragmente, deren Fasern stark abgebaut und mehr oder weniger mineralisiert sind. Die ursprünglichen Farben sind vergangen. Dennoch bergen diese unscheinbaren Fragmente das Potenzial, die bisher kaum bekannte Gattung der Textilien im römischen und merowingerzeitlichen Rheinland zu erschließen.   


Das Projekt 

Gegenstand des Projektes ist die umfassende Aufarbeitung dieser textilen Bodenfunde im Bestand des LVR-LandesMuseums Bonn. Durch die Kenntnis einer statistisch aussagekräftigen Anzahl von Funden werden Untersuchungen zu Herstellung, Aussehen und Verwendung von Kleidung, Einrichtungs- und Gebrauchstextilien im römer- und merowingerzeitlichen Rheinland möglich. 

Am Anfang der Untersuchungen steht die Fundanalyse: die Erfassung der Funde und die Untersuchung und Dokumentation ihrer textiltechnischen Eigenschaften (Materialien, Herstellungstechniken). Regelhafte Kombination von textiltechnischen Merkmalen lassen Textil-Typen erkennen, die in Hinblick auf ihre Chronologie, räumliche Verteilung und soziologischen Kontext ausgewertet werden. Schließlich wird jeder Textilfund und die einzelnen Textil-Typen einer Befundanalyse unterzogen, um über die Fundlage (ggf. Kartierung) und Mikrostratigraphie ihre Verwendung zu bestimmen.  

 

Textilfunde aus römischer Zeit 

Unter den rund 200 bisher im Rahmen des Projektes aufgenommenen Textilien befinden sich  44 Funde aus römischer Zeit. Überwiegend handelt es sich um Grabfunde des 3.4. nachchristlichen Jahrhunderts. So konnte in mehreren Gräbern der Villa Rustica von Rheinbach-Flerzheim der Gebrauch von Leichentüchern aus sehr feinem Leinengewebe mit Karomuster nachgewiesen werden.  

Von verschiedenen Fundorten liegen Belege für Tuniken aus Leinen in Leinwandbindung mit ausgeglichenem Kett- und Schussverhältnis und für Wolltuniken in Ripsstruktur vor. Zur Bekleidung gehörten auch Haarnetze in Sprangtechnik. 

Ein besonderer Fund sind die Reste einer Tunika aus einem Grab des 4. Jahrhunderts unter dem Xantener Dom, deren gewirkte Zierstücke erhalten blieben. In die Clavi wurde mit wollenen Schussfäden ein florales Muster gewirkt (Abb.), das zu den seltenen bisher bekannten gemusterten Wirkereien in den römischen Westprovinzen gehört.  

 

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Clavi aus Grab 66/36 unter dem Dom von Xanten.  
Foto: M. Thuns/LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, Zeichnung: P. Linscheid 

 

Überraschend oft sind in Gräbern des 3. Jahrhunderts Gewebe mit Wirkereien aus Gold- und violetten (purpurgefärbten?) Fäden anzutreffen, die zu Tüchern oder Tuniken gehörten.  

Die zahlreichen textilen Grabfunde geben Einblick in den Gebrauch von Textilien bei der Bestattung. Textile Reste bezeugen, dass zahlreiche Grabbeigaben, aber auch Urnen und Leichenbrand von Textilien umhüllt bzw. bedeckt in das Grab gegeben wurden. So waren zwei Körbchen in einem Frauengrab in Dorweiler mit je einem leinenen leinwandbindigen Tuch mit Fransen bedeckt 
 

Textilfunde aus römerzeitlichen Siedlungs- und Hortfunden ergänzen das Typenspektrum: Ein Münzhort des 4. Jahrhunderts aus Bergisch Gladbach befand sich in einem leinwandbindigen Leinenbeutel. Wollfragmente noch unbekannter Funktion in Leinwand- und Köperbindung erhielten sich in Feuchtschichten des Römerlagers von Xanten-Birten. 

 

Textilfunde aus der Merowingerzeit 

Aus merowingischer Zeit konnten bisher 160 Textilfunde aufgenommen werden, die aus insgesamt 28 verschiedenen Gräberfeldern stammen und ausnahmslos an metallenen Grabbeigaben festkorrodiert sind.   

Auch im merowingerzeitlichen Fundmaterial lassen sich Gewebetypen erkennen, wodurch auf eine standardisierte und damit entwickelte Textilproduktion geschlossen werden kann. 

Feine leinwandbindige Gewebe mit einer Spinnmusterung aus Streifen und Karos zeigen sich an der Unterseite von Gürtelbestandteilen und Fibeln und sind damit als körpernahes Kleidungsstück anzusprechen. Diese hochwertigen Stoffe wurden ebenfalls zum Umwickeln von Gegenständen im Grab genutzt. 

Nach Fundlage und Mikrostratigraphie gehörten auch Rippenköper-Gewebe zu den Kleidungsstücken (Abb.), diese feinen Gewebe sind bisher nur aus Frauengräbern belegt. 


               Knochen

 

Rippenköper an Schlüsseln aus Grab Stelle 251, Rommerskirchen-Eckum. Foto: P. Linscheid /LVR-LandesMuseum Bonn, Zeichnungen: P. Linscheid

 


Abb. 3 Linscheid Rippen

Replik eines Rippenköpers, gewebt während des Weaving Workshops von Martin Ciszukmit der Abt. Christliche Archäologie im August 2012.

 

Andere Köpervariationen wie Rauten- und Diamantköper sind derzeit funktional noch nicht bestimmbar.  

Als grobe Gewebe dienten drei- oder vierbindige Eingrat-Köper, häufig mit entgegengesetzten Spinnrichtungen in beiden Fadensystemen. Dieser Gewebetyp tritt ausschließlich auf der Schauseite von Gürtelbestandteilen auf und diente daher wohl als Polsterstoff oder Mantel. 

Brettchengewebe sind bisher als Gewebekante und als separates Band belegt.  

 

Textilproduktion und Kontinuitätsfragen 

Übergeordnete Fragestellungen betreffen Textilherstellung und -handel, einer der wichtigsten Wirtschaftszweige antiker Kulturen.  

Der Vergleich der römischen mit den merowingerzeitlichen Textilien leistet einen Beitrag zur Frage der Kontinuität von Handwerkstechniken und -traditionen zwischen Römerzeit und frühem Mittelalter im Rheinland. 

 


Literatur

Textile Bodenfunde der römischen Kaiserzeit und der Merowingerzeit im Bestand des LVR-LandesMuseums Bonn, in: Landschaftsverband Rheinland – Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege (Hrsg.), Textilien in der Archäologie (Bonn 2011), S. 6979.  

Unscheinbare Fragmente. Römische und merowingerzeitliche Textilien im LVR-LandesMuseum Bonn, in: J. Kunow (Hrsg.), 25 Jahre Archäologie im Rheinland 19872011 (Stuttgart 2012), S. 2325. 

 

Durchführung und Ansprechspartnerin

Dr. Petra Linscheid, Universität Bonn, Abteilung Christliche Archäologie, [Email protection active, please enable JavaScript.]
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