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Reliquien als Ressource: Knappheit und Abhängigkeit

 Reliquien als Ressource: Knappheit und Abhängigkeit

Verehrung und Inszenierung von Heiligen konnten zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten ganz unterschiedliche Formen annehmen: Mal stand das unantastbare sakrosankte Grab im Mittelpunkt, mal bildeten mit Reliquien lediglich Teile des Körpers den Kern eines Verehrungsortes, mal bediente man sich anderer, zunächst scheinbar abwegiger Medien, etwa Ikonen, um Heilige zu vergegenwärtigen und erfahrbar zu machen. Diese unterschiedlichsten Strategien, die man zur Verehrung und Inszenierung (er)fand, wurden neben anderen, etwa regionalspezifischen Gründen, maßgeblich durch die Verfügbarkeit der Heiligen bestimmt. In Rom beispielsweise, wo mit einer kaum überschaubaren Zahl von Märtyrer*innen und deren Gräbern aufgewartet werden konnte, waren die Voraussetzungen von Grund auf anders als in der neu gegründeten Hauptstadt Konstantinopel, wo man gänzlich ohne eigene Lokalheilige auskommen musste. Auch und gerade in Konstantinopel zeigte sich aber schnell, dass das Prestige einer Stadt in spätantiker und frühmittelalterlicher Zeit eng verbunden war mit der Präsenz von Heiligen. Denn Heilige und deren Verehrungsorte erfuhren spätestens im Verlauf des 4. Jahrhunderts eine derart enorme Aufwertung, dass Städte, wollten sie nicht an Ansehen und Bedeutung verlieren, auf eine größtmögliche Fülle dieser verehrten Personen verweisen können mussten: Heilige – und auch nur kleinste Reliquien von diesen – entwickelten sich in Spätantike und Frühmittelalter schnell zu einem zentralen Element (kirchen)politischer Machtstrukturen.

Die Verfügbarkeit verschiedener Reliquien bestimmte zunächst nicht nur deren Stellenwert, sondern zugleich den Kreis derer, die in ihren Besitz gelangen konnten: Ambrosius etwa, Bischof von Mailand im ausgehenden 4. Jahrhundert, betrieb die Teilung von Heiligengebeinen gleichermaßen exzessiv wie systematisch – ein für diese Zeit durch und durch ungewöhnliches Vorgehen. Gleichzeitig baute Ambrosius sich durch den Export dieser selbstgeschaffenen Reliquien ein klerikales bzw. sakrales Netzwerk auf, dessen Verbindungen mit jeder Translation größer und zugleich dichter wurden. Während in Mailand somit aus einer sehr überschaubaren Zahl lokaler Heiliger größtmöglicher Nutzen gezogen und darauf basierend, eine Vielzahl asymmetrischer Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen wurde, wirkt der zeitgleiche Umgang mit Heiligen und deren Reliquien in Rom geradezu konträr, und die dortigen Grablegen galten über Jahrhunderte als sakrosankt. Dass auch Rom sich mit Reliquien Netzwerke aufbauen und Allianzen erkaufen musste, geschah erst in dem Moment, als Rom sich unter fränkische Schutzherrschaft begeben musste. Das Bündnis mit den Franken hatte jedoch seinen Preis: Um des Schutzes willen wurde Rom gezwungen, mit seiner wertvollsten Währung zu zahlen, den für solange Zeit unveräußerlichen stadtrömischen Heiligen und deren Reliquien. 

 

Laufzeit: Seit 2020

Förderung: Exzellenzcluster Beyond Slavery and Freedom

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